Dekompressionskrankheit

Aus Taucherpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eine Dekompressionskrankheit – auch Taucher- oder Caisonkrankheit genannt, engl. DCS oder DCI für decompression sickness bzw. decompression illness – bezeichnet ein Krankheitsbild, das durch Gasbläschen in den Körpergeweben hervorgerufen wird.

Die Gasbläschen entstehen, wenn Inertgas – meist Stickstoff – bei höherem Umgebungsdruck im Gewebe angesättigt wurde, anschließend durch eine zu starke und schnelle Druckminderung das Gas nicht mehr in Lösung gehalten werden kann und deshalb ausperlt.

Grundwissen für Open Water Diver* (OWD*)

zurück zum Online-Training OWD*

Ursachen

Auf- und Absättigung von Stickstoff im Körper während eines Tauchgangs.

Beim Tauchen atmest du Luft unter erhöhtem Druck und damit auch mit einer erhöhten Dichte. Der enthaltene Stickstoff ist zwar ein Inertgas, d. h. er nimmt nicht an Stoffwechselvorgängen im Körper teil, allerdings löst er sich in den Körpergeweben, die zum Teil aus Wasser bestehen, und sättigt sich dort an.

Eine Aufsättigung findet immer dann statt, wenn in der Atemluft mehr Stickstoff vorhanden als im Körper gelöst ist. Umgekehrt findet bei einer Reduzierung des Umgebungsdrucks eine Entsättigung der Gewebe statt, da der Stickstoffpartialdruck in der Atemluft sinkt. Der Auf- bzw. Entsättigungsvorgang verläuft je nach Art und Durchblutung des entsprechenden Körpergewebes unterschiedlich schnell.

Ist zu viel Stickstoff im Körper angesättigt und verringert sich bei zu schnellem Auftauchen der Umgebungsdruck zu rapide, kann der Stickstoff nicht mehr in Lösung gehalten werden und es bilden sich Gasbläschen in den Körpergeweben.

Symptome

Die Gasbläschen rufen, je nachdem, wo sie sich befinden und wie stark sie ausgeprägt sind, unterschiedliche Symptome hervor:

  • Sehr kleine Bläschen, sog. Mikroblasen, verursachen oft abnormal starke Müdigkeit und Erschöpfung.
  • Unter der Haut treten Flecken auf, die einem Bluterguss ähneln und stark jucken (sog. Taucherflöhe).
  • In der Muskulatur verursachen sie Schmerzen und Druckempfindlichkeit, die einem Muskelkater ähneln.
  • In Gelenken, Knochen und Bändern verursachen sie Schmerzen und führen zu einer Bewegungseinschränkung (sog. Bends).
  • In den Blutgefäßen können sie die Blutzufuhr zu einzelnen Bereichen im Körper blockieren und diese damit von der Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr abschneiden. Dies verursacht ein Absterben der dort befindlichen Zellen.
  • Durch Gasbläschen im Gehirn und Rückenmark oder durch den Verschluss der Gefäße in diesem Bereich treten Empfindungsstörungen, Bewusstseinsstörungen und Lähmungen auf. Die Symptomatik ähnelt einem Schlaganfall. Derartige Schädigungen können irreversibel sein und unter Umständen auch zu Tod führen.

Die Symptome müssen nicht zwingend unmittelbar nach dem Tauchgang auftreten, sondern können sich bis zu 24 Stunden später erst manifestieren.

Gegenmaßnahmen

Wenn Symptome einer Dekompressionskrankheit auftreten muss dies als medizinischer Notfall behandelt und die Rettungskette ausgelöst werden.

Als Sofortmaßnahme muss in jedem Fall – auch nach Tauchgängen mit Nitrox – sofort und so lange wie möglich 100%-iger Sauerstoff verabreicht werden. Durch das höhere Sauerstoffangebot im Blut kann dieser durch die Gewebeflüssigkeit weiter in durch Gasbläschen verschlossene Bereich eindiffundieren und ein Absterben des Gewebes verhindern. Anschließend ist meist ein Aufenthalt in einer Druckkammer notwendig, um die Gasbläschen zu verkleinern, wieder in Lösung zu bringen und dann durch langsame Druckreduzierung das Gewebe zu entsättigen.

Vorbeugung

Um das Risiko für eine Dekompressionskrankheit zu reduzieren, muss vorschriftsmäßig ausgetaucht werden. Das bedeutet, dass die Aufstiegsgeschwindigkeit in keinem Fall mehr als 10 Meter pro Minute betragen darf, ein Sicherheitsstopp durchgeführt werden sollte und alle ggf. notwendigen Dekostopps eingehalten werden müssen. Wie man vorschriftsmäßig austaucht, Dekostopps bestimmt und weitere Sicherheitshinweise findest du im Artikel Dekompressionsberechnung.

Wissen für fortgeschrittene Taucher (ED**)

zurück zum Online-Training ED**

Blasenbildung in Geweben

Während eines Tauchgangs wird Stickstoff unter einem höheren Partialdruck geatmet. Der Stickstoff wird über den Blutkreislauf in die Körpergewebe transportiert und sättigt sich dort an. Das Sättigungsniveau ist u. a. abhängig vom Stickstoffpartialdruck, der Einwirkzeit, dem Gewebetyp und der Temperatur (siehe Inertgassättigung).

Beim Auftauchen, d. h. einer Reduzierung des Umgebungsdrucks ist bezogen auf den N2-Partialdruck in der Lunge zu viel Stickstoff in den Körpergeweben gelöst, der nun wieder abgegeben wird. Solange das Sättigungsniveau nicht zu hoch ist und die Druckreduzierung langsam genug erfolgt, kann der Stickstoff in Lösung gehalten, über den Blutkreislauf zur Lunge transportiert und dort abgeatmet werden. Ist das Sättigungsniveau zu hoch oder die Druckreduzierung zu rapide, d. h. die Aufstiegsgeschwindigkeit zu hoch, kann der Stickstoff nicht mehr in Lösung gehalten werden und es bilden sich Gasblasen unterschiedlicher Größe im entsprechenden Gewebe und im Blut. Dies führt lokal zu Gewebezerstörungen und -verdrängungen und je nach Größe der Blasen zur Verstopfung von Blutgefäßen.

Begünstigende Faktoren

Neben der Aufstiegsgeschwindigkeit und der daraus resultierenden Reduzierung des Umgebungsdrucks gibt es weitere Faktoren, die das Auftreten einer Dekompressionskrankheit begünstigen. Diese können in Folge soweit führen, dass selbst nach unbedenklichen Tauchgängen eine Dekompressionskrankheit auftritt.

  • Tiefe: Die mit Abstand größte Rolle spielt die maximal erreichte Tauchtiefe in Kombination mit der Tauchzeit, wobei statistisch eine Tiefe von mehr als 30 m mit einem erhöhten DCS-Risiko verbunden ist.
  • Verhalten nach dem Tauchgang: Heißes Duschen oder ausgiebiges Sonnenbaden, stärkere körperliche Aktivitäten oder Vibrationen wie bei einer Bootsfahrt. Hierdurch ändert sich Gewebedurchblutung deutlich, was den Abtransport des Stickstoffs beeinflusst.
  • Weiterer Druckabfall nach dem Tauchen: Beispielsweise beim Heimflug oder einer Fahrt in die Berge über Passstraßen.
  • Wasserhaushalt: Zu geringe Flüssigkeitsaufnahme vor und nach dem Tauchgang (Dehydration).
  • Kälte mit begleitender Zentralisation des Kreislaufs.
  • Alkoholkonsum in größeren Mengen.
  • Körperliche Verfassung: Menge des Fettgewebes, körperlicher Trainingszustand, gesundheitliche Verfassung, sowie akuter Stress und daraus resultierende Panik unter Wasser.
  • Notaufstiege: Insbesondere unkontrollierte Notaufstiege bergen ein hohes Risiko eine Dekompressionskrankheit zu erleiden.

Typen

Typen und Symptome einer Dekompressionskrankheit.

Erste Symptome einer Dekompressionskrankheit können schon kurz nach dem Tauchgang auftreten. Allerdings können sie auch erst bis zu 24 Stunden danach oder bei einer weiteren Druckreduzierung, wie sie bei einem Flug oder einer Bergpassüberquerung auftritt, in Erscheinung treten. Folgende Symptome sind höchstwahrscheinlich durch Dekompressionserkrankung verursacht:

  • abnorme Müdigkeit oder Schwäche
  • Juckreiz, Prickeln, Hautflecken (sog. Taucherflöhe)
  • Gelenk- und Muskelschmerzen (sog. Bends)
  • Taubheitsgefühl, Lähmungen
  • Atembeschwerden
  • Blasenentleerungsstörungen
  • Seh-, Hör-, Sprachstörungen
  • Schwindel, Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen
  • neurologische Ausfälle
  • Bewusstseinsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit

Je nach Art der Symptome unterscheidet man eine Dekompressionskrankheit in die Typen DCS Typ 1 und DCS Typ 2.

DCS Typ 1

Eine Dekompressionskrankheit vom Typ 1 tritt auf, falls in geringem Umfang Gefäße verstopft (Gasembolie) oder direkt Gewebe geschädigt werden (Gewebszerreißungen mit auftretender Rötung bzw. Schwellung). Die Hauptsymptome sind starke Müdigkeit, Hautflecken, Juckreiz, Prickeln, leichtes Taubheitsgefühl.

Da die Auswirkungen weniger gravierend als beim Typ 2 sind und sich durch die Gabe von reinem Sauerstoff oft schnell zurückbilden, existiert wohl eine hohe Dunkelziffer bezüglich der Häufigkeit des Auftretens. Auch wenn leichte Symptome bei einem DCS Typ 1 primär nicht lebensbedrohlich sind, dürfen diese nicht ignoriert oder verharmlost werden, da sich daraus ein DCS Typ 2 entwickeln kann.

DCS Typ 2

Eine Dekompressionskrankheit vom Typ 2 tritt auf, wenn Gasblasen in größerem Umfang auftreten, aus dem Lungen- in den Körperkreislauf übertreten und somit die restlichen o. g. schwerwiegenden Symptome verursachen.

Viele bzw. größere Gasblasen im Lungenkreislauf können zu Atemproblemen verbunden mit Brustschmerzen, Husten und Erstickungsgefühl führen, da sie die effektive Gasaustauschfläche zwischen Blut und Alveolen verkleinern. Gasblasen in Blutgefäßen, die Nervengewebe bzw. Rückenmark und Gehirn versorgen, unterbinden deren Blutzufuhr. Dies ruft alle möglichen Arten von neurologischen Ausfällen und Schäden hervor. Im Extremfall kann ein Schock und Bewusstlosigkeit eintreten. Ein DCS Typ 2 kann lebensbedrohlich sein bzw. werden und muss umgehend notfallmedizinisch betreut werden.

Behandlung

Die Unterscheidung in verschiedene Typen spielt für die Behandlung durch den Ersthelfer primär keine Rolle. Bei jeder Form einer Dekompressionskrankheit muss als Sofortmaßnahme so schnell, so lange und so hoch dosiert wie möglich Sauerstoff verabreicht werden. Es spielt keine Rolle, ob es sich wirklich um eine Dekompressionskrankheit handelt, denn mit der Gabe von Sauerstoff kann beim Betroffenen in keinem Fall weiterer Schaden angerichtet werden.

Wenn nur milde Symptome wie bei einem DCS Typ 1 auftreten, sollte zudem dosiert Flüssigkeit zugeführt und der Betroffene vor Auskühlung geschützt ruhig gelagert werden. Auch wenn sich die Symptome zurückbilden, sollte trotzdem die Rettungskette ausgelöst und der Betroffene 24 Stunden tauchmedizinisch überwacht werden.

Treten schwerere Symptome oder neurologische Ausfälle wie bei einem DCS Typ 2 auf, dann muss umgehend die Rettungskette ausgelöst und entsprechende Sofortmaßnahmen, wie stabile Seitenlagerung oder Herz-Lungen-Wiederbelebung, durchgeführt werden. Beim Absetzen des Notrufs muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass es sich um einen Tauchunfall handelt, damit von der Leitstelle die nächstgelegene Druckkammer informiert werden kann.

Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte darf der Betroffene nie alleine gelassen und muss ständig überwacht werden, da es jederzeit zu einer rapiden Verschlechterung der Situation kommen kann.



Weiterführende Literatur

  • Secchi, Ziegenfuß: Tauchunfälle; In: Checkliste Notfallmedizin; Thieme, Stuttgart, 2009
  • Bühlmann, Völlm, Nussberger: Inertgasaufnahme- und abgabe des menschlichen Körpers; In: Tauchmedizin: Barotrauma Gasembolie Dekompression Dekompressionskrankheit Dekompressionscomputer; Springer, Heidelberg, 2002
  • Schmidt, Lang, Heckmann: Herz und Kreislauf; In: Physiologie des Menschen; Springer, Heidelberg, 2010
  • Bernau: Gewebemodelle; In: Trimix - Tauchen jenseits der Sporttauchgrenzen: Der freie Fall ins Nichts – Tauchen in der Königsklasse; Neobooks, Berlin, 2014